Geschichte

Das abgelegene Kloster Fünfbrunnen wurde von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und als "Jüdisches Altersheim" zum zentralen Sammellager bei der Deportation der luxemburger Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager bestimmt.


1941 abgerissene Synagoge in
Luxemburg-Stadt (© MNR)

Vor dem Einmarsch deutscher Truppen lebten nach Schätzungen 4.200 Juden im politisch neutralen Luxemburg. Etwa 3.200 von ihnen waren Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich, Österreich, Polen und anderen zentraleuropäischen Staaten. 1.650 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden zusammen mit insgesamt 50.000 Luxemburgern im Mai 1940 beim deutschen Überfall auf Luxemburg nach Belgien und Frankreich evakuiert.

 

Bis zum Oktober 1941 schoben die Nationalsozialisten rund 1.000 Juden gewaltsam in das unbesetzte Frankreich und nach Belgien ab. Etwa 250 Juden konnten emigrieren, 30 konnten mit Hilfe von Luxemburgern fliehen oder sich in Luxemburg verstecken. 60 weitere überlebten in Luxemburg, weil die aufgrund ihrer Ehe mit einem nicht-jüdischen Partner von der Deportation zurückgestellt waren. Etwa insgesamt 1.200 Juden, die vor dem deutschen Einmarsch in Luxemburg lebten, wurden deportiert:

  • 500 aus Luxemburg stammende Juden wurden aus Frankreich und Belgien deportiert - nur 16 überlebten
  • 696 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden direkt aus Luxemburg in Ghettos sowie Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt - nur 56 überlebten

Nach zahlreichen antijüdischen Maßnahmen und Gesetzen hatten die Nationalsozialisten die noch in Luxemburg lebenden Juden bis zum Juli 1941 nahezu vollständig aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt.

 

In Fünfbrunnen (franz.: Cinqfontaines, lux.: Pafemillen) existierte der einzige Internierungsort für Juden in Luxemburg. Ab 1941 war im Kloster das "Jüdische Altersheim" untergebracht, hinter dessen Bezeichnung sich in Wahrheit ein Sammellager für die Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager verbarg.


Postkartenansicht des Klosters 1910 (© AP)

Im Jahr 1903 war im Norden des Landes bei Ulflingen(franz.: Troisvierges) in einem kleinen, von Wäldern umgebenen Flusstal ein Kloster der Herz-Jesu-Priester gegründet worden. Beim Einmarsch der deutschen Truppen lebten nur noch wenige Glaubensbrüder dort. Am 4. März 1941 wurde das Kloster von der Gestapo aufgelöst.

 

Anfang August 1941 wurde im Kloster ein "Jüdisches Altersheim" eingerichtet, in dem insgesamt etwa 300 Menschen ihre Deportation abwarten mussten. Ihre Einweisung erfolgte auf schriftliche Anordnung der Geheimen Staatspolizei - der Transport nach Fünfbrunnen mit Omnibussen oder mit der Eisenbahn. Die höchste Belegung erreichte das "Altenheim" Ende 1941, als rund 150 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht wurden. Ursprünglich war das Kloster für eine maximale Unterbringung von 50 Personen vorgesehen.

 

 "Juden in Luxemburg
1940-45" von Marc Schoentgen
(Quelle: Forum - für Politik,
Gesellschaft u. Kultur in
Luxemburg, Heft 179,
Luxemburg 1997)

Am 16. Oktober 1941 begannen die Deportationen: teils vom Hauptbahnhof in Luxemburg-Stadt, teils direkt vom Kloster. Zwar gab es in Fünfbrunnen keine Bahnstation, doch nur wenige Meter unterhalb des Klosters führte eine Bahnstrecke entlang. Für den Abtransport der Menschen hielten die Züge auf offener Strecke an einem heute noch vorhandenen kleinen Bahnübergang.


Deportationen aus Luxemburg

Datum           Ziel                        Deportierte
16.10.1941    Litzmannstadt                    334
23.04.1942    Izbica                                   27
12.07.1942    Auschwitz                            24
26.07.1942    Theresienstadt                    27
28.07.1942    Theresienstadt                  159
06.04.1943    Theresienstadt                    97
17.06.1943    Theresienstadt/                   11
                      Auschwitz

(nach: Schoentgen, Marc: Das "Jüdische Altersheim" in Fünfbrunnen, S. 59)




 

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